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Wie sich Reichsbürger gegenseitig belügen und betrügen

02/01/2014

genau_hingesehen

In Marilla Reichs „genau hingesehen“-Blog erscheinen in unregelmäßigen Abständen bemerkenswerte Beiträge. Am 12. Dezember 2013 titelte die Juristin: „Deutschland ist kein Nazi-Staat, auch wenn Staatsleugner das immer wieder behaupten“.

Immer wieder liest man, Deutschland, das dann dabei BRD oder BRiD genannt wird, sei ein Nazi-Staat. […] das heutige Deutschland (sei) ja aufgrund von Identität dasselbe wie das „Nazi-Deutschland“ von 1933-1945.

Was den zweiten Satz angeht, so irrt die Verfasserin, denn eine Identität der Bundesrepublik Deutschland mit dem Deutschen Reich wird von Reichsideologen vehement bestritten. Vielmehr wird behauptet, die Bundesrepublik sei ein Verwaltungskonstrukt, eine Firma gar, welche von den Westalliierten eingesetzt wurde, um das deutsche Volk zu unterdrücken.

Einige Reichsideologen verkünden allerdings, die Bundesrepublik Deutschland wäre Rechtsnachfolgerin des Dritten Reiches. Aufgrund dieser These werden der Bundesrepublik dann faschistische Strukturen unterstellt. Reichsideologen wissen nicht, dass der Begriff Drittes Reich kein Völkerrechtssubjekt beschreibt, sondern eine Geschichtsepoche. Der Begriff Drittes Reich wurde, wie Weimarer Republik auch, erst im Nachhinein gebräuchlich. Die Bundesrepublik könnte lediglich Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches sein, wie der Name des Nationalstaates von 1871 bis 1945 lautete.

Die vorherrschende Rechtsauffassung im In- und Ausland – und darüber mögen sich die Reichsideologen schwarz ärgern – ist und bleibt jedoch, dass die Bundesrepublik Deutschland mit dem Deutschen Reich identisch ist.

Zu unterschiedlichen Namen und Staatsgebieten im Laufe der Zeit  gehören selbstverständlich auch unterschiedliche politische Aspekte einschließlich der Zeit von 1933 – 1945, aber auch der Zeit davor und eben auch der Zeit danach. Aus der völkerrechtlichen Identität ergibt sich aber keine politische Identität.

Die Diffamierung der Bundesrepublik als „Nazi-System“ erfolgt aus reinem Kalkül heraus. Die Reichsbürger wollen damit von der eigenen, rechtsradikalen Intention ablenken. Dies führt allerdings häufig zu Konflikten.

Nicht alle wollen das Orwellsche „Doppeldenk/Zwiedenk“ (die Fähigkeit, zwei einander widersprechende Denkweisen gleichzeitig als wahr zu akzeptieren) mitmachen. Im letzten Beitrag wurde über den Mitschnitt einer Audio-Konferenz berichtet, an welcher die „Reichsbürger“ Benjamin Karney (Tiks) sowie Ingo Köth teilnahmen:

Köth: …ich weiß, dass du weißt, dass Adolf Hitler nicht der böseste der bösen Menschen war…

Tiks: […]…ja, weiß ich. Ich habe hier Beweise, die mir eindeutig klar machen: Es ist nicht, wie es erzählt wird.

Köth: […] Wenn du sagst […], also in deinen Videos und so, Adolf Hitler und das Dritte Reich war(en) das Schlimmste, dann hältst du im Prinzip die BRD-Lüge aufrecht […] und das kann ich nicht zulassen.

Tiks lässt daraufhin durchblicken, dass er zu ängstlich ist, um sich ohne weiteres zu seinen wahren Ansichten zu bekennen:

Tiks: Ich weiß, was du meinst, und ich verstehe dich. Aber: Wenn wir dieses Thema anschneiden – wir sind noch nicht genug! – kriegen wir sofort auf die Fresse. Das haben wir doch jedes Mal festgestellt […].

Er erläutert seine Taktik: Man muss einfach alles und jeden als „Nazi“ bezeichnen und den Begriff somit völlig verwässern. Anschließend lebt es sich ganz ungeniert:

Tiks: Haut allen jetzt diese Nazikeule mal vor die Schnauze – selbst den Gutmenschen […] Und wenn ich jetzt jedem das Ding vor die Fresse haue, und sage: Guck mal, wie schnell du in deiner eigenen Schublade liegst. Dann wird der ab (diesem) Punkt anfangen […] Jetzt kann man über die Zeit zwischen ’33 und ’45 reden – und zwar unvoreingenommen! Weil jetzt sind alle „rechts“. 

Tiks schildert, wie er seine YouTube-Abonnenten zu manipulieren beabsichtigt. Er will sie auf das Niveau des vorbestraften Holocaustleugners und Neonazis Ingo Köth herunterziehen. Bis dahin muss er seine Anhänger „leider“ dreist belügen:

Tiks: Die Leute lernen mit mir, die machen (einen) Prozess mit. Ich kann diesem Prozess nicht vorgreifen. Die Leute werden diesen Prozess jetzt mit mir bis auf „Stufe Ingo Köth“ machen. Okay? Bis dahin muss ich leider sagen: „Der ist böse!“ […] Aber ich weiß, dass die Masse meiner Abonnenten und der Menschen noch nicht so weit sind. Aber die hören zu! Und ich weiß, dass der Punkt bald kommt […] Ich will diesen Prozess mit den Menschen (durchgehen), die Stufen möchte ich gehen. […] Sonst hauen sie mir wieder die Nazikeule vor die Fresse.

Schöner als Tiks hat kaum ein anderer Reichsbürger je offenbart, was für ein Heuchler und Falschspieler er ist.

Die an die Bundesrepublik gerichteten Nazi-Vorwürfe sind insbesondere deshalb infam, weil die gesamte Reichsbürger-Bewegung von braunem Gedankengut durchsetzt ist. Das noch junge und empfehlenswerte Blog Ironleafs und andere Volksbetrüger weist beispielsweise auf jene rechtslastige, antisemitische Hassorgie hin, die zurzeit im Kommentarbereich von „Sommers Sonntag“ stattfindet – einer bei Reichsdeutschen überaus beliebte Seite.

sommer_arier

Arier und andere Knallköppe

Diese Leute sind kaum noch bemüht, ihre braune Gesinnung zu verbergen. Insofern die Bevölkerungsmehrheit die Reichsbürgerbewegung überhaupt wahrnimmt, wird sie wissen, wo man diese Gestalten einzuordnen hat: Rechts von der NPD! 

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6 Kommentare leave one →
  1. 03/01/2014 14:08

    „Die vorherrschende Rechtsauffassung im In- und Ausland – und darüber mögen sich die Reichsideologen schwarz ärgern – ist und bleibt jedoch, dass die Bundesrepublik Deutschland mit dem Deutschen Reich identisch ist.“

    …. das stimmt schon so, wenn man das von staatsrechtlicher Sicht sieht. Morphologisch-philosophisch aber ist das grundfalsch.
    Die heutige Bundesrepublik ist weder identisch noch auch nur ähnlich dem Kaiserreich, der Weimarer Republik und dem Dritten Reich, denn diese hatten jeweils eine andere Verfassung, eine andere Gesellschaftsstruktur einen anderen Nationalcharakter.
    Übertragen auf die Lebensalter einer Person wird man zwar sagen können, dass Personalidentität besteht, niemand aber wird von sich behaupten, dass er mit 50 derselbe Mensch ist, wie der, der er mit 20 war.
    Gerade dieses Gleichsetzen der Identitäten ist es aber mit dem die Reichsdeppen spielen; wenn Deutschland einmal ein Nazireich war und Identisch ist mit der Bundesrepublik Deutschalnd, dann ist es immer noch nazionalsozialistisch: ein Fehlschluss!

    CHarles Anthony OSborne
    Abteilung für Deutungshoheit
    Sonnenstaatland-SSL

  2. TOFKAS01 permalink
    03/01/2014 20:24

    Diese Rhetokik ist vor allem eines: Kindisch!

    1. „Du bist doooofff“

    2. „Nein, duuuu bist dooof“

    1. „Nein, duuuu bist dooof“

    2. „Selbär, Selbär….“ usw. man kennt das ja aus dem Kindergarten.

    Jetzt mus man nur noch „dooof“ mit „ein Nazi“ ersetzen und promt ekrkennt man wo diese „rhetorischen“ Ideen des Herrn Tiks herkommen. Da war doch der Hornauer von B-TV noch erfindungsreicher.

    • 04/01/2014 18:00

      Außerdem überbewertet dieser Tiks seinen Einfluss und seine 4000 Abonnenten erheblich. Im gesamtgesellschaftlichen Rahmen spielen diese Leute keine Rolle, egal, wie oft sie ihre Mitmenschen oder den Staat als „Nazi“ bezeichnen.

  3. Holperbald permalink
    22/02/2015 14:23

    Nehmen wir nur mal für den Moment an, die ganze Kiste stimmt, und die Bundesrepublik wäre eine Firma: Ja, und jetzt? Ich kann in dieser Firma meinen Job frei wählen, es sind Weiterbildungsangebote vorhanden (freilich ist nicht alles optimal, aber das ist ein ganz anderes Blatt – dafür kann ich mich politisch einbringen.) Von mir aus nennen sie das Betriebsrat, aber es geht.

    Und klar kann ich die Stellung kündigen. Allerdings muss ich mich halt dann, wie in jeder Firma, vom Werksgelände entfernen, sprich, auswandern.

    Oder ich halte mich als („Werksbesucher“) (Tourist), (Asyl)-Bewerber oder was weiss ich was auf. Dann habe ich halt begrenzte Aufenthalt – und Mitwirkungsrechte.

    Die ganzen Spinner, die die Bundesrepublik für eine Firma halten, ignorieren zwei Fragen:

    „Ist es nicht besser, in einer guten Firma zu leben als in einem schlechten Staat?“ Insofern ist das ganze ohnehin ein Streit um des Kaisers Bart – Auf was wollen die eigentlich hinaus?

    Und B) Bei der Firmeninterpretation fehlt regelmäßig das Betriebsgelände, Und wenn ich ein Konkurrenzunternehmen, zum Beispiel einen neuen Staat, Freier Reichsstaat Wolkenkuckucksland oder was auch immer aufmachen will, geht das nicht auf dem Werksgelände der „Firma“ BRD.

    In diesem Sinne: Leut schickt das Arbeitsamt….

    • 04/08/2015 22:26

      Die Spinner wollen darauf hinaus, dass es nur Privatrecht gibt, und das wieder führt dann dazu, dass man Strafgesetze nicht beachten muss, Bußgelder und Knöllchen nicht bezahlen muss, weil das ja dann alles nach deren Logik keinerlei Rechtsgrundlage hat. Dazu kommen dann noch andere Spitzfindigkeiten, wie etwa, ein Gesetz sei mangels Geltungsbereichs unwirksam.

      Und vonwegen „gute Firma“, wenn es doch da so böse Gerichtsvollzieher gibt, die einem allerlei Stress machen, obwohl einer sich ausdrücklich „exterritorial“ stellt und deswegen doch schonmal gar nicht irgendwas bezahlen muss. 😉 Dazu habe ich auch schon sehr abenteuerliche Konstrukte gelesen, wo jemand dann immer das nicht-eigene Staatsgebiet zeitweise als besetzt betrachtete, sobald er sich außerhalb seines Grundstücks bewegte. Und da ja keiner wusste, dass er grad fremdes Staatsgebiet besetzte, wenn er irgendwo unterwegs war, war das auch alles kein Problem, oder so ähnlich. Da saß der Besetzer/Besatzer dann seelenruhig und unbehelligt im Café und schlürfte seinen Kaffee, die Umgebung in einem in Metern angegebenen Umkreis war occupiert, bis er sich von dort wieder wegbewegte. Ich krieg das nicht mehr richtig zusammen, es war aber endlos ausformuliert damals, so richtig schön spinnert mit der den Reichsdeppen eigenen Ernsthaftigkeit.

  4. 04/08/2015 22:52

    Ich habe den Beitrag hier erst jetzt entdeckt 🙂

    Natürlich kann man den Ansatz auch anders sehen, als ich es getan habe (wobei ich auf die Rechtsnachfolge später auch noch eingegangen bin). Mir ging es aber um Diskussionen, in denen sich sowas entwickelt – deswegen ist das jetzt auch etwas verkürzt im Zitat wiedergegeben, denn in meinem Text wird das schon deutlich, dass es um die Diskussionen mit solchen Spinnern geht.

    Die Eigenschaft „Nazi-Staat“ wird oft und gern benutzt, wenn es für einen Spinner anfängt, eng zu werden. Dann wird zu diesem Aspekt „abgebogen“, indem zum Beispiel von irgendwelchen Gesetzen das Datum allerersten Inkrafttretens genannt wird, und wenn das zwischen 1933 und 1945 liegt, dann wird laut „Nazi-Gesetz“ gekräht und dann weiter, dass ein Staat, der solche Gesetze anwendet, eben ein Nazi-Staat ist. Da ist das Argument dann mehr sowas wie Identität und weniger Rechtsnachfolge. Einem verzweifelten, in die Enge getriebenen Spinner ist es aber egal, was er sonst noch so verbreitet. Gerade um die hitzigen Diskussionen ging es mir, da gerade dabei sehr gern Verwirrung gestiftet wird, um Mitleser als Unterstützer zu gewinnen.

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