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120 Doofe – eine Meinung!

16/04/2014
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Montagsdemo mit Reichsdeppen: Bild anklicken, um den Artikel auf zeit-online zu lesen!

Das Reichsdeppentum ist kein Phänomen, das isoliert von anderen Formen des Aberglaubens zu betrachten ist. Wer meint, dass die Bundesrepublik Deutschland nicht existiere, der kann sich in der Regel auch gut vorstellen, dass die Nazis aktuell von der Antarktis aus ihren Endsieg vorbereiten, dass aufgestiegene Meister per Channeling Newsletter verschicken, dass die Juden die Welt beherrschen.

Einen wirklichen Vorteil vermochten die Reichsbürger aus ihrer Affinität zu anderen Wahnsystemen bislang nicht zu ziehen: Esoteriker/Truther sind ebenfalls untereinander zerstritten, kommen auch nicht auf einen grünen Zweig. Obgleich Anti-Amerikanismus, Hass auf Israel und diverse Verschwörungstheorien in Deutschland momentan gut ankommen, konnte sich aus diesen Theoremen keine bedeutende politische Strömung bilden. Aktuell läuft allerdings wieder einmal der Versuch eines Projektes („Montagsdemos“/“Friedensdemos“), mit welchem disziplinübergreifend eine Querfront gegen den Rechtsstaat, überhaupt gegen westliche Werte, aufgebaut werden soll. Die Resonanz war bisher bescheiden:

In Hamburg nahmen rund 120 Personen an der Mahnwache teil. Beobachtern bot sich ein skurriles Bild. Schon in der Einladung auf der Webseite der Organisatoren war der Satz zu lesen: “Rechts…links…ach leckt mich doch”. So verwundert es nicht, dass der Querfrontler Jürgen Elsässer ursprünglich als Redner eingeladen wurde. Erst nach massiver Kritik wurde sein Auftritt wieder abgesagt. Mehrfach beriefen sich die Redner am Abend auf den Verschwörungsideologen Andreas Popp, der sich in seinen Videobotschaften zu den Themen der Friedensbewegten äußert. Reichsbürger Rüdiger Klasen durfte, obwohl seine demokratiefeindlichen Flyer den Organisatoren bekannt waren, am offenen Mikrofon seine Staats- und Verfassungsleugnung erläutern und seine Website bewerben. Obwohl etwa die Hälfte der Teilnehmer ihm im Laufe seiner Rede aus Protest demonstrativ den Rücken zudrehte, durfte er zu Ende reden. (Blog Zeit.de)

Auf zeit.de wird in diesem Zusammenhang expliziter auf die Reichsbürgerbewegung eingegangen:

Die selbsternannte “Reichsbürgerbewegung” ist eine bizarre Gruppe von Rechtsextremisten, Holocaustleugnern und rechten Esoterikern. Sie bestreiten die Existenz der Bundesrepublik mit der Begründung, das “Deutsche Reich” bestehe fort. Das führt soweit, dass sie sich verweigern, Bußgelder und Steuern zu zahlen, Autokennzeichen fälschen und eigene Fantasie-Führerscheine und Personalausweise erstellen. Vor kurzem wurde ein aus der Haft geflüchteter Berliner Reichsbürger in Polen verhaftet, der in Berlin große Mengen Sprengstoff in seinem Haus gehortet hatte. Auch prominente Neonazis wie der Holocaustleugner Horst Mahler zählen zum neonazistischen Teil der Reichsbürgerbewegung.

Reichsbürger sind typische Trittbrettfahrer, und wieder einmal scheint es so, als seien sie auf einen Zug aufgesprungen, der eigentlich nicht einmal eine kraftlose Spielzeugeisenbahn ist:

Als eine “Mischung aus verschwörungsideologischem Denken, rechtsesoterischer Lyrik, zutiefst antisemitischer Bildsprache und Truther-Propaganda” bezeichnete ein Sprecher der Gruppe bei Telepolis die Mahnwachen

Zusammengehalten wird der ganze Blödsinn von Plattitüden und Phrasen, die vor allem von jenen nachgeplappert werden, die sich für besonders schlau halten, obgleich sie nicht über die eigene Nasenspitze hinausdenken können:

Die Mächtigen säen Krieg und Zwietracht, um ihre aggressive Politik voranzutreiben!“, „Die deutsche Politik wird von Washington gesteuert!“, und: „Die Banken diktieren die Weltpolitik!“. Ein Redner, der etwas berauscht wirkt, führt an: „Es gibt Menschen, die wollen das deutsche Volk spalten! Eine kleine Gruppe kontrolliert uns, vergiftet das Essen, damit die Pharmaindustrie davon profitiert!“. (Ruhrbarone)

Die Reichsbürger und die Neonazi-Szene, mit der sie doch recht eng verbunden sind, mögen sich darüber freuen, dass sie einen Schritt auf linke Wirrköpfe und allgemein auf die Truther-Szene zugemacht haben, aber der langfristige Nutzen wird wohl ausbleiben. Auch die neuen Verbündeten (wenn es sich denn überhaupt um Verbündete handelt), sind in sich uneins, und falls sich diese Leute doch mal zusammentun, dann ist das Ergebnis nur von flüchtiger Natur. Möglicherweise werden die „Montagsdemos“ und die dabei stattgefundenen Auftritte der Reichsdeutschen bereits in einem halben Jahr wieder vergessen sein.

Link:

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11 Kommentare leave one →
  1. äää permalink
    16/04/2014 17:30

    afd ruft zur montagsdemo in berlin auf

  2. teobald.tiger permalink
    16/04/2014 19:34

    und einzig unser preussischer Nationalheld, juristischer Don Quichotte hat nichts davon! Dabei hatte er schon vor einem Jahr diese Idee mit der Montagsdemo. Es gab wohl auch welche: Fünf Pappnasen aus dem DNV Umfeld standen verlassen auf einem Platz mit nem mit Parolen beklebten Wartehäuschen!

    Tja, wer zu früh kommt, den bestraft das Volk… 🙂

  3. 16/04/2014 21:31

    Danke für den guten Überblick!
    Und ich teile Deine Einschätzung: Die kommen alle auf keinen grünen Zweig und sabotieren sich über kurz oder lang immer selber.

  4. Jay permalink
    17/04/2014 01:57

    Das ist schon wirklich beängstigend, was dort für ein Mob bei Facebook und in den gängigen Kommentarspalten unterwegs ist.
    Man hat das Gefühl, als würde ein Zombie-Virus, wie im schlechten Film, um sich greifen, der seine Opfer in kritiklose, einfältig-pöbelnde, esoterische, national gesinnte Spinner verwandelt. Sie nehmen die Worte „Liebe“ und „Frieden“ in den Mund, als würden sie sie am liebsten in einen hineinprügeln wollen.
    Die ideologische Absicherung erfolgt über Immunisierungsargumente:
    Medien und ihre Vertreter werden generell als korrupt angesehen, Menschen mit anderer Meinung sind entweder „verblendet“ oder bezahlte „Systemtrolle“.
    Es findet keine Differenzierung statt, es gibt keine kritischen Zwischentöne aus den eigenen Reihen, kein noch so blödsinniger Glaubenssatz wird hinterfragt.
    Am schwersten zu verstehen ist für mich, wie Wohlstandskinder, die in Frieden und im materiellen Überfluss aufgewachsen sind, sich auf einmal eine vermeintliche Unterdrückung durch fremde Mächte herbei fantasieren können, von der man sich endlich befreien müsste.
    Auch wenn die westliche Gesellschaft vor vielen Problemen und Aufgaben steht, sind ihre freiheitlich-demokratischen Grundwerte absolut verteidigenswert und man kann nur hoffen, dass es über politische Bildung und einen konstruktiven Dialog möglich ist, diese Leute zu erreichen und den Demagogen, die sie aufpeitschen, den Wind aus den Segeln zu nehmen.

    • Thomas V. permalink
      17/04/2014 17:04

      „Am schwersten zu verstehen ist für mich, wie Wohlstandskinder, die in Frieden und im materiellen Überfluss aufgewachsen sind, sich auf einmal eine vermeintliche Unterdrückung durch fremde Mächte herbei fantasieren können, von der man sich endlich befreien müsste.“

      Meiner Vermutung nach ist das kein Widerspruch, sondern viel mehr die direkte Folge davon: Weil wir heutzutage schon seit relativ langer Zeit in Frieden und Wohlstand (verglichen mit einem Großteil der übrigen Welt) leben, gerät allzu leicht in Vergessenheit, dass das eben nicht selbstverständlich ist. Die Vorteile werden nicht mehr wahrgenommen, man bemerkt nur noch die (echten oder vermeintlichen) Nachteile. Und fertig ist die Vorstellung, in einem miserablen und völlig verdorbenen System zu leben, dass unbedingt beseitigt werden muss, besser gestern als heute.

    • 17/04/2014 17:19

      @ Jay

      Treffend zusammengefasst!

      Am schwersten zu verstehen ist für mich, wie Wohlstandskinder, die in Frieden und im materiellen Überfluss aufgewachsen sind, sich auf einmal eine vermeintliche Unterdrückung durch fremde Mächte herbei fantasieren können, von der man sich endlich befreien müsste.

      Der Psychoanalytiker und Freud-Kritiker Erich Fromm hat es sinngemäß so formuliert, dass es in der Veranlagung der Menschen läge, Stresssituationen auszuhalten und Konflikte zu bewältigen. Bliebe beides aus, erschaffe er sich selbst ein entsprechendes Drama, was sich beispielsweise in Streitlustigkeit ausdrücke. Überträgt man diese These auf die Reichsdeppen, so bestätigt sie sich. Diese Leute sitzen, zumeist staatlich alimentiert und wohlbehütet tagein, tagaus in der warmen Wohnung, und nichts Spannendes passiert. Also wird kurzerhand ein Szenario halluziniert, gegen das man – als Lebensaufgabe! – dann ankämpfen muss.

      An dem alten, spießigen Spruch unserer Ur-Großeltern „Euch geht’s wohl zu gut?!“ scheint zumindest in diesem Zusammenhang durchaus etwas dran zu sein…

      • Jay permalink
        19/04/2014 02:07

        Soziologisch betrachtet, vermute ich, dass es größtenteils die Verlierer unserer Ich-Gesellschaft sind, die sich in diese wilden Verschwörungstheorien verrennen.
        Die westliche Gesellschaft leidet zunehmend an einer Art Individualisierungs-Wahn. Selbstverwirklichung ist das oberste Gebot, in Beruf und Privatleben – „Ich, Icher, am Ichsten“.
        Es muss dauernd die eigene Individualität in sämtlichen Lebensbereichen zur Schau gestellt werden. Die Befreiung des eigenen Selbst aus der Konformität der Masse, ist die oberste Tugend. Bei uns funktioniert das am einfachsten durch materielle bzw. monetäre Leistungsfähigkeit.
        Wo wir wieder bei Erich Fromm wären – „Haben oder sein?“.
        Narzisstische Charakterzüge werden zur Tugend. Es wird bewundert, wenn man knallhart seinen Willen durchsetzt, einen großen Coup im Job landet oder sonst in irgendeiner Weise „sein Ding macht“ – ohne Rücksicht auf Verluste.
        In Medien, Wirtschaft und Politik wird das regelmäßig vorgelebt.
        Das gefährliche daran ist: Zwangsläufig gibt es auch Individualisierungs-Verlierer, erfolglose Narzissten – und hier kommen die Verschwörungen ins Spiel.
        Für jemanden, der sich selbst in der Gesellschaft als erfolglosen „Blindgänger“ erlebt, stellt es eine große Erleichterung dar, mittels abstruser, aber in sich logischer, Verschwörungstheorien, die Welt als ‚ungültig‘, als ‚falsch‘ anzusehen – somit das eigene Versagen zu relativieren.
        Jemanden wie Ken Jebsen dürfte es stark getroffen haben, dass er beim RBB gefeuert wurde. Daher rührt die narzisstische Wut, die jetzt in ihm brennt.
        Ich erinnere mich an ein Youtube Video, in dem Jebsen während einer Rede, ein Kamerateam des RBB erblickt und augenblicklich in wütendes Gebrüll, in dessen Richtung, ausbricht.
        Da haben wir den gekränkten Narzissten, der in diesem Moment dem Objekt seines Schmerzes direkt ausgesetzt ist und es niederbrüllen will.
        In der Psychologie gibt es das Bild vom Narzissten und seinem Co-Narzissten, der sich an den eigentlichen Narzissten hängt, um sich an dessen Schauspiel mit aufwerten zu können – hier haben wir Jebsens Gefolgschaft, seine „Fans“.
        Im Grunde sind sie genau wie er. Bis ins Mark von Selbstzweifeln und vermeintlicher Minderwertigkeit durchsetzt.
        Das fatale daran ist, dass Narzissmus niemals befriedigt werden kann, egal wie groß der Erfolg auch sein mag – es reicht einfach nicht, um das schwarze Loch in seinem Selbst zu füllen.
        Wen wundert es da, dass Jebsen sich in einer seiner letzten Reden mit Jesus und Gandhi verglichen hat?
        Wer innendrin so leer ist, braucht gewaltige Bilder um den ganzen freien Platz zu füllen.
        Ohnehin ist sein gesamter öffentlicher Auftritt extrem auf die Inszenierung seiner Person ausgerichtet.
        Die Verschwörungstheorien sind dabei eher mittel zum Zweck. Sie sind das Vehikel, dass er benötigt um die Ego-Maschine ans Laufen zu kriegen und regelmäßig sein narzisstisches Feedback zu erhalten.
        Ich persönlich vermute bei ihm eine höchst fragile Persönlichkeitsstruktur. Narzissten sind höchst empfindlich.
        Wenn man es richtig angeht, könnte man ihn mit Sicherheit in einer Diskussion leicht aus der Fassung bringen, so dass die Maske schnell fällt.

  5. vulturecorp permalink
    18/04/2014 00:40

    Das ergibt eigentlich durchaus Sinn.

    Zu viel Zeit, Wohlstand (Grundsicherung), Langeweile oder auch gewisse Fehlschläge können wohl wirklich darin enden, dass man abstruse Ansichten entwickelt und teils auch propagiert. Aus der Mücke macht man dann Elefanten, möglichst viele.

    Man möge mich korrigieren, aber die meisten zumindest mir bzw. im Internet bekannten Anti-BRD’ler / Verschwörungsleute gehen keiner geordneten Tätigkeit nach. Sind abhängig vom „bösen / falschen System“, dass sie im Grunde eigentlich am Leben hält oder ihnen gewisse Standards ermöglicht. Das ist eigentlich paradox, absurd. Der Witz ist da wohl: Da das oft kein Leben in Saus und Braus ist nimmt man gewisse Engpässe auch noch alá „Die lassen uns vergammeln“ oder sonst wie wahr, haut verbal doppelt drauf obwohl man nicht unter der Brücke schlafen muss. Überspitzt formuliert.

    Es ist eigentlich fast nachvollziehbar, so bescheuert oder ernst manches auch sein mag. Oder so bescheuert die Eigendynamik der Sache wird. Der triste Alltag wird mit Inhalten gefüllt. Spannenden, großen verschwörerischen Inhalten die ‚epischer‘ kaum sein könnten. Gleichzeitig wird man, vermeintlich, sinngemäß vom Hans Wurst zum aufgeklärten souveränen Freiheitskämpfer oder zumindest Person mit Durchblick, die zeitgleich (ob nun bewusst oder unbewusst wahrgenommen) über die entweder „korrumpierten“ oder „strunzdoofen“ Massen erhaben ist. Doch dabei bleibt man in vielerlei Hinsicht wie zuvor oder wird gar eine „Niete“.

    Von mir übertrieben? Sicher nicht. Es werden zwar auch mal relevante gesellschaftskritische Punkte angesprochen, und schönreden sollte man manches nicht. Aber wer die Blogs, Kommentare und Videos anschaut sieht, welche Weltbilder viele Leute aus diesen Szenen haben. Das ist oft sehr überspitzt. Oder einfach krank. Selbst ein möglicher Kern oder Krümel der Wahrheit der eigentlichen Aussagen oder Botschaften wird durch manche Wahnvorstellungen und Unterstellungen überschattet.

    Eigentlich ist es traurig.

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